Kein Ende in Sicht: Wenn ADHS das Hungergefühl verzerrt

Viele Menschen mit ADHS berichten, dass sie Schwierigkeiten haben, ein natürliches Sättigungsgefühl wahrzunehmen. Dies lässt sich durch verschiedene neurobiologische, verhaltensbezogene und emotionale Faktoren erklären, die eng mit der Funktionsweise des Gehirns bei ADHS verknüpft sind.

Neurobiologische Ursachen: Dopamin und Belohnungssystem

Ein wichtiger Grund ist die veränderte Dopaminregulation im Gehirn. Der Neurotransmitter Dopamin ist unter anderem für die Belohnungsverarbeitung und Impulskontrolle verantwortlich. Menschen mit ADHS haben oft ein niedrigeres Dopamin-Grundniveau, was dazu führt, dass ihr Gehirn verstärkt nach Reizen sucht, die eine schnelle Dopaminausschüttung bewirken. Essen – insbesondere kohlenhydratreiche und stark verarbeitete Lebensmittel – kann eine solche Belohnung darstellen.

Weil das Belohnungssystem bei ADHS häufig eine verzögerte oder abgeschwächte Reaktion auf natürliche Sättigungssignale zeigt, wird das Sättigungsgefühl oft nicht rechtzeitig wahrgenommen. Dies kann dazu führen, dass Betroffene weiter essen, obwohl der Körper bereits ausreichend versorgt ist. Besonders problematisch ist dies bei hochkalorischen, schnell verfügbaren Lebensmitteln, die das Belohnungssystem besonders stark stimulieren.

Gestörte Interozeption: Fehlwahrnehmung von Hunger und Sättigung

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die gestörte Interozeption – also die Fähigkeit, innere Körperzustände wie Hunger und Sättigung bewusst wahrzunehmen. Studien zeigen, dass Menschen mit ADHS häufig Schwierigkeiten haben, diese Signale korrekt zu deuten. Sie bemerken Hunger oft erst spät und neigen dann dazu, sich zu überessen, weil das Sättigungsgefühl verzögert eintritt.

Diese Fehlwahrnehmung kann zu unregelmäßigem Essverhalten führen: Manche Betroffene lassen Mahlzeiten aus, weil sie Hunger nicht rechtzeitig registrieren. Später entwickeln Sie dann leider Heißhungerattacken. Andere essen reflexartig, ohne sich bewusst zu sein, ob sie tatsächlich hungrig sind oder ob eine andere Ursache – etwa Langeweile oder Stress – hinter dem Essverlangen steckt.

Impulsivität und Essverhalten

Die bei ADHS häufig erhöhte Impulsivität beeinflusst ebenfalls das Essverhalten. Viele Betroffene essen schnell und unkontrolliert, oft ohne bewusst darauf zu achten, ob sie bereits satt sind. Da der natürliche Mechanismus zur Regulierung der Nahrungsaufnahme oftmals gestört ist, besteht eine erhöhte Neigung zu emotionalem oder impulsivem Essen.

Besonders problematisch ist dies bei stark verarbeiteten Lebensmitteln, die nicht nur schnell konsumiert werden können, sondern auch eine sofortige Belohnungsreaktion im Gehirn auslösen. Süßigkeiten, Fast Food und kohlenhydratreiche Snacks sind daher besonders verlockend. Dieses Muster kann langfristig zu ungesunden Essgewohnheiten, Gewichtsschwankungen oder sogar einer erhöhten Anfälligkeit für Essstörungen führen.

Emotionsgesteuertes Essen

Viele Menschen mit ADHS nutzen Essen als eine Strategie zur Emotionsregulation. Stress, Überforderung oder Langeweile können dazu führen, dass Essen als Mittel zur kurzfristigen Beruhigung oder Ablenkung eingesetzt wird – unabhängig vom tatsächlichen Hunger.

Dieses sogenannte „emotionsgesteuerte Essen“ kann besonders problematisch sein, wenn es zur Gewohnheit wird. Statt konstruktive Bewältigungsstrategien zu entwickeln, wird Essen als schnelle Lösung genutzt, um unangenehme Emotionen zu regulieren. Dies kann nicht nur das Essverhalten weiter dysregulieren, sondern auch das Risiko für Übergewicht und Stoffwechselprobleme erhöhen.

Unterstützungen zur besseren Regulation des Essverhaltens

  • Achtsames Essen: Langsames, bewusstes Essen kann helfen, Sättigungssignale besser wahrzunehmen.
  • Neurofeedback-Training
  • Feste Essenszeiten: Regelmäßige Mahlzeiten verhindern extreme Hungergefühle und unkontrolliertes Essen.
  • Proteinreiche Ernährung: Eine eiweißreiche Kost kann helfen, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Heißhungerattacken vorzubeugen.
  • Alternative Bewältigungsstrategien: Entspannungstechniken, Bewegung oder kreative Aktivitäten können helfen, emotionale Essmuster zu durchbrechen.
  • Medikamentöse Unterstützung: In einigen Fällen kann die Behandlung der ADHS-Symptome mit Medikamenten (z. B. Stimulanzien wie Methylphenidat) indirekt auch das Essverhalten positiv beeinflussen, indem sie die Impulskontrolle verbessern.

 

Das fehlende Sättigungsgefühl bei ADHS hat also mehrere Ursachen: Eine veränderte Dopaminregulation führt dazu, dass Essen als Belohnung genutzt wird, während eine gestörte Wahrnehmung von Hungersignalen das bewusste Erkennen von Sättigung erschwert. Impulsivität verstärkt unkontrolliertes Essverhalten, und emotionale Faktoren wie Stress oder Langeweile spielen eine zusätzliche Rolle.

Wer sein Essverhalten gezielt verbessern möchte, sollte sowohl die neurobiologischen als auch die emotionalen und verhaltensbezogenen Aspekte berücksichtigen. Durch bewusstes Essverhalten, feste Strukturen und alternative Strategien zur Emotionsregulation kann langfristig ein gesünderer Umgang mit Essen erreicht werden.